Emotionen / Empathie

Emotionale Vernachlässigung

 

Wer bin ich?

Ich kenne mich selbst sehr gut – ich weiß, wer ich bin, was ich kann und was ich nicht kann. Ich bin extrovertiert und gehe auf Menschen zu, komme schnell ins Gespräch. Trage meine Gedanken auf der Zunge und ecke mit meiner offenen und ehrlichen Art oft an.

Nicht jeder kann mit Ehrlichkeit umgehen, und ich bin kein Mensch, der nur des Friedens willen beschwichtigt.

Ich bin für jeden da, der wirklich meine Hilfe braucht – nicht finanziell, sondern emotional. Ich kann zuhören, mein Gegenüber in den Arm nehmen und tröstende Worte finden, selbst wenn es die ganze Nacht dauert.

Mein größtes Problem ist, dass ich viel geben kann, aber nie etwas zurückerhalte – von niemandem.

Weder von meinen Ehemännern, meinem jetzigen Lebensgefährten noch von meinen so heiß geliebten Kindern, abgesehen von einem, das leider zu weit weg ist. Die anderen Zwei tun sich schwer, regelmäßigen Kontakt zu halten. Auch meine Enkel und Urenkel sind nicht für mich da, wenn ich jemanden zum Anlehnen brauche. Manchmal meine ich, ich bin ein notwendiges Übel. Einfach mal in den Arm genommen werden, ein liebes Wort ohne Hintergedanken – das fehlt mir. Kuscheln war für mich immer nur ein Vorspiel zur körperlichen Vereinigung, und auch das schien bei den Männern immer nur ein Mittel zum Zweck zu sein.

 

 

 

 

Hier mal ein Fremdbeispiel:

Manchmal wird meine Hilfe nicht angenommen, wie meine ehemalige langjährige Freundin bewies.

Sie war Rechtsanwaltsgehilfin und Alleinkraft in einer renommierten Kanzlei, mit Sitz am Kurfürstendamm, in Berlin, die sich auf landwirtschaftliche Belange spezialisiert hatte. Für meine Verhältnisse verdiente sie ein »Schweinegeld« und steckte alles in ihre Wohnung, auch in einer damals angesagten Gegend Berlins, alles vom Feinsten – ich hätte mir das nie leisten können.

Nach ihrer Scheidung lernte sie einen Mann kennen und stellte ihn mir vor. Wir verbrachten einen Abend zusammen, aßen gut und unterhielten uns. Am nächsten Morgen klingelte früh das Telefon, und meine Freundin fragte: »Na, was sagst du? Toller Mann, nicht?«

Leider bin ich immer ehrlich, auch wenn das manchmal zu Funkstille führt.

Ich habe eine gute Menschenkenntnis, und mein Bauchgefühl sagte mir:

Mein Bauch sagte, Finger weg, der Mann strahlte für mich nichts Gutes aus.

Ich teilte meiner Freundin meine Meinung mit, und sie war sauer. Sie meinte, ich würde ihr Glück nicht gönnen, und legte beleidigt auf. Eine ganze Weile hörte ich nichts mehr von ihr. Ich war traurig, meine Freundin wegen meiner Ehrlichkeit verloren zu haben. Als ich wieder von ihr hörte, hatte sie den Mann in ihre Wohnung einziehen lassen und die Hochzeit stand kurz bevor. Ich war nicht eingeladen. Es verging wieder einige Zeit, dann rief sie an und sagte, sie müsse mit mir reden.

Die beiden hatten geheiratet, und kurz danach stellte sie fest, dass er Alkoholiker war. Er verlor seine Arbeit und fing an, ihre wertvollen Sachen wie Perserteppiche und Schmuck zu verkaufen. Er brachte sie dazu, ebenfalls zu trinken, und ihr Arbeitsplatz stand auf der Kippe. Sie entschuldigte sich bei mir und gab zu, dass ich recht hatte. Ich bat ihren Chef um ein Gespräch, und er gewährte ihr eine Schonfrist, um sich zu fangen. Sie schlug jedoch sämtliche Hilfe aus.

Ich selbst stand kurz vor meiner Übersiedlung von Berlin nach Oberbayern, was die Situation zusätzlich erschwerte. Nach meinem Umzug konnte ich mich nicht mehr persönlich um sie kümmern. Wir telefonierten nächtelang, teilweise bis zu sechs Stunden, und ich musste morgens um sieben Uhr zur Arbeit. Dazu kamen die Bedürfnisse meiner Kinder.

Sie verlor ihre Arbeit und ihre Wohnung – wegen des scheiß Kerls und des scheiß Alkohols.  Sie hatte nichts mehr, der Kerl war weg, sie schlief auf einer Parkbank. Dies erfuhr ich erst später.

Das Letzte, was ich für sie tun konnte, war ihr nach Rücksprache mit meinem damaligen, zwischenzeitlich verstorben Mann anzubieten, zu mir nach Bayern zu kommen. Ich hatte ein Zimmer frei und hätte ihr helfen können, auch Arbeit hätte ich besorgen können. Sie wollte aus Berlin nicht raus.

Das war das Letzte, was ich von ihr je gehört habe.

Irgendwann klingelte das Telefon, und ein Berliner Krankenhaus war am Apparat. Sie hatten eine Patientin in sehr desolatem Zustand, nicht ansprechbar, die in ihrer Tasche eine Notfall-Telefonnummer hatte – meine Nummer.

Die Ärzte fragten mich, ob ich etwas über ihre Medikamente wüsste und mehr. Leider konnte ich aufgrund des mangelnden Kontakts nichts beantworten.

Sie hat das Krankenhaus nie wieder aufrecht verlassen. Sie war Anfang 50.

 

Ich sei Taff und Cool -  sagt man mir

Ich bemühe mich immer, für andere eine Lösung zu finden, und meistens gelingt es mir. Leider finde ich für meine eigenen seelischen Probleme keine Lösung. Eine Freundin hier in Bayern, ebenfalls eine ehemalige Berlinerin, hat mich zu früh verlassen und ist nun wie mein zweiter Mann auf Wolke 7. Sie war auf meiner Wellenlänge, wir verstanden uns super und sie hatte immer ein offenes Ohr für mich.

Man sagt immer, ich wäre taff und cool, tolles Kompliment.

Ja nach außen, wie es innen ausschaut weiß niemand wirklich und kaum einer macht sich die Mühe hinter meine Fassade zu schauen. Desinteresse, empathielos?

Jetzt stehe ich wieder seit Jahren allein da. Mein Lebensgefährte hat von zu Hause aus wohl nie Liebe erfahren. Mit 17 Jahren zog er mit Einwilligung seiner Eltern von Österreich nach Bayern und führte hier sein Leben. Er war nie verheiratet, ein ewiger Junggeselle mit entsprechenden Marotten und Macken. Er war ein ehemaliger Arbeitskollege meines verstorbenen Mannes. Irgendwie ergab es sich, dass wir zusammenkamen. Eigentlich wollte ich nach dem Tod meines Mannes keinen Mann mehr stationär, sondern nur ambulant in meinem Leben haben. Hätte ich doch auf mein Inneres gehört. Nun muss ich damit leben, wieder ein absolut emotionsloses Leben führen zu müssen.

Oft liege ich nachts in meinem Bett und weine still vor mich hin. Aber es hilft mir nicht weiter.

Es gibt niemanden, der mich tröstet, niemanden, mit dem ich reden kann. Keine Romantik, kein Kuscheln. Ja, so habe ich mir den Rest meines Lebens nicht vorgestellt.

Mich heute in meinem Alter zu trennen, dazu fehlt mir mittlerweile der Mut. Der einzige Trost ist, dass wenigstens jemand da ist, der im Notfall den Rettungsdienst alarmieren kann.