So sehen mich Fremde

ein redaktioneller Bericht in einer überregionalen Zeitung

 

Wohlwollen, Staunen, Neugierde, Ablehnung – fast jede Reaktion hat Silvia schon erlebt, wenn sie im Sommer draußen unterwegs ist.

Arme, Beine, und Rücken  sind fast komplett tätowiert, mit indianischen Symbolen, Blumen, indischen Mustern und Schriftzügen. Tätowiert zu sein ist heute eigentlich nichts Besonderes mehr. Wenn man aber, wie Silvia, fast 77 und bereits Uroma ist, schon.

Die Fingernägel sind überlang und an diesem Tag in glitzernden Blau lackiert, an jedem Finger sitzt indianischer Silber- und Türkisschmuck. »Die lege ich nie ab, auch nicht bei der Hausarbeit, auch nicht nachts -nie ", erzählt die Wahl-Geisenfelderin, die hier seit rund 20 Jahren am Rande der Stadt lebt. Nicht ganz freiwillig, wie sie freimütig zugibt, denn die Mietpreise in größeren Städten wären für die Witwe, Rentnerin und selbständige Kreativkünstlerin einfach zu hoch.

Und irgendwie passt die gebürtige Westberlinerin auch nicht in eine bayerische Kleinstadt, den ihr Styling entspricht nicht unbedingt dem, womit man in der Hallertau rechnet. 

»Aber, ich war schon mal Schützenkönigin«, lacht sie Ihr fröhliches, heiseres Lachen. Schützenkönigin war sie in den 80er Jahren, als sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann nach Bayern zog, den es dort aus beruflichen und familiären Gründen hinverschlug.

Kein leichtes Unterfangen damals für die selbstbewusste Berlinerin, die auch optisch das Dorfleben in einem »Kuhkaff«, so Silvia, im Landkreis Freising aufmischte: Gefärbte Haare, Minirock und Stöckelschuhe, so war Silvia damals unterwegs:  "Ich war schon immer ein bunter Vogel." und damals gab es auch schon das 1. Tattoo: Eine kleine Rose, hinten auf der Schulter. Die habe ich mir im Urlaub in Italien in den 70er-Jahren stechen lassen, erzählt sie.

Weil auch ihr Mann, der bereits vor 25 Jahren gestorben ist, Gefallen an Tattoos gefunden hat und sogar selbst Tätowierer erlernte, kamen im Laufe der Zeit immer mehr schwarze und bunte Bilder auf Silvias Haut dazu. Das letzte Tattoo hat sie sich vor 10 Jahren stechen lassen: Den Namen der Urenkeltochter, Anlass war deren Geburt.

Für Silvia sind Tattoo eine Leidenschaft, aber sie kennt ihre Grenzen: Weil sie seit einigen Jahren Medikamente nehmen muss, die ihre Haut dünner werden lassen, werden keine neuen Hautbilder dazu kommen. Doch zu denen, die bereits da sind, steht sie. Auf einer Tattoomesse wurde sie mal von jungen Männern angesprochen: Ob sie denn keine Angst habe, das Tattoos im Alter »Scheiße« aussehen, wollten die etwa 40-jährigen von der Rentnerin wissen. »Nein«, antwortete sie, denn im Alter sehe man ja generell nicht mehr so gut aus. 

Dennoch hat sie einen Tipp für Tattoofans: 

"Lasst Euch nur Hautpartien tätowieren, die auch im Alter einigermaßen glatt bleiben: Arme, Beine, Rücken. Von Bauchtattoos rät sie Frauen grundsätzlich ab:

Ich hatte mal eine Bekannte, die hatte bei einem Ganzkörpertattoo, vom Bein über Hüfte bis zur Schulter Kleidergröße 38 - heute hat sie Größe 48 sagt Silvia, mit Stirnrunzeln. Angst, dass Tätowierungen gesundheitsschädlich sein könnten, hat Silvia keine: "Ich habe noch nie jemanden gesehen, der an Tattoos gestorben ist.«

 

Silvias Tattoos sind Lebenseinstellung und Werbung zugleich.

 

Sie handelt mit Indianerschmuck und fertigt noch heute Schmuck und Lederaccessoires in eigener Werkstatt. 

Lange Jahre war sie mit eigenem Stand auf Märkten und Messen in ganz Deutschland unterwegs. 

(Biker, Trucker,  indianische Events,  Kieler Woche, Harley Days Hamburg) 

"Wenn ich was verkaufen will, muss ich mich auch optisch an die Klientel anpassen" , sagt die Geschäftsfrau, die mehrere Berufsausbildungen hinter sich hat.

Von ihrem Vater, sagt Silvia, habe sie gelernt, sich nicht unterkriegen zu lassen und aufrecht und selbstbewusst durchs Leben zu gehen.

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